Über politische Bildung, gesellschaftliche Resilienz und eine unangenehme Frage

Wenn Russland versucht, seine Bevölkerung von der eigenen Politik zu überzeugen, sprechen wir schnell von Propaganda.
Wenn China seine gesellschaftlichen Werte und sein politisches System über Schulen und staatliche Institutionen vermittelt, sehen wir darin politische Indoktrination.
Wenn andere Staaten ihre Bevölkerung auf äußere Bedrohungen einschwören, erkennen wir die Strategie dahinter häufig sofort.
Aber was nennen wir es, wenn wir selbst unsere gesellschaftlichen Werte vermitteln, unsere politische Ordnung stärken und Menschen widerstandsfähiger gegenüber den Narrativen anderer Systeme machen wollen?
Politische Bildung.
Demokratiebildung.
Medienkompetenz.
Sicherheitspolitische Bildung.
Oder zunehmend:
gesellschaftliche Resilienz.
Vielleicht sollten wir uns eine unbequeme Frage erlauben:
Ist Propaganda tatsächlich etwas, das nur die anderen machen?

Jede Gesellschaft erzählt eine Geschichte über sich selbst

Kein Mensch wächst politisch neutral auf.
Wir lernen schon früh, welche Werte unsere Gesellschaft für erstrebenswert hält.
Demokratie.Freiheit.Menschenrechte.Rechtsstaatlichkeit.Marktwirtschaft.
Wir lernen gleichzeitig Begriffe für Systeme, von denen wir uns abgrenzen.
Diktatur.Autoritarismus.Extremismus.Totalitarismus.
Viele dieser Unterscheidungen sind sachlich gut begründbar. Eine liberale Demokratie unterscheidet sich real von einer Diktatur. Freie Wahlen, Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit oder Meinungsfreiheit sind keine bloßen sprachlichen Konstruktionen.
Aber darum geht es nicht.
Die interessante Frage lautet:
Werden wir nur über diese Unterschiede informiert – oder werden wir gleichzeitig in eine bestimmte Perspektive auf die Welt hinein sozialisiert?
Denn jede Gesellschaft muss sich bis zu einem gewissen Grad selbst reproduzieren.
Sie vermittelt der nächsten Generation ihre Werte, Institutionen, historischen Erzählungen und Vorstellungen davon, was eine gute Gesellschaft ausmacht.
Warum sollten ausgerechnet westliche Demokratien davon vollkommen ausgenommen sein?

Die mentale Impfung

In der Psychologie existiert tatsächlich das Konzept der Inokulation: Menschen können gegenüber späteren Manipulationsversuchen widerstandsfähiger werden, wenn sie zuvor mit entsprechenden Argumentations- oder Manipulationsmustern konfrontiert werden.
Man könnte von einer Art mentaler Impfung sprechen.
Übertragen auf politische Systeme entsteht daraus eine interessante Perspektive.
Wenn wir jungen Menschen früh vermitteln, warum unsere demokratische Ordnung schützenswert ist, welche Gefahren von Extremismus ausgehen, wie ausländische Desinformation funktioniert und welche Werte unsere Gesellschaft zusammenhalten sollen, erhöhen wir möglicherweise ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber konkurrierenden politischen Narrativen.
Das kann gesellschaftlich durchaus sinnvoll sein.
Aber wir sollten trotzdem benennen, was dabei geschieht:
Ein politisches System stärkt die Bindung seiner Bürger an seine eigenen Grundwerte und versucht gleichzeitig, sie widerstandsfähiger gegenüber Angriffen auf diese Ordnung zu machen.
Genau an dieser Stelle beginnt die unbequeme Nähe zu Mechanismen, die wir bei anderen Ländern sehr viel kritischer betrachten.

Die NATO spricht von gesellschaftlicher Resilienz

Besonders interessant wird diese Frage, wenn man nicht Kritiker der NATO liest, sondern die NATO selbst.
2025 veröffentlichte sie ihr erstes Resilience Reference Curriculum.
Darin bekommt Bildung eine bemerkenswert wichtige Rolle.
Der öffentliche Bildungssektor wird ausdrücklich als bedeutender Bestandteil eines gesamtgesellschaftlichen Ansatzes zur nationalen Verteidigung beschrieben.
Politische Bildung soll demnach individuelle und gesellschaftliche Fähigkeiten sowie kulturelle Werte und demokratische Prinzipien stärken, die für gesellschaftliche Resilienz notwendig seien.
Menschen sollen gemeinsame Werte, Ziele und Traditionen entwickeln und zugleich Fähigkeiten wie kritisches Denken sowie Medien- und Digitalkompetenz erwerben.
Das ist keine Verschwörungstheorie.
Das steht in einem offiziellen NATO-Dokument.
Und auch die NATO selbst beschreibt Resilienz als wesentliche Grundlage glaubwürdiger Abschreckung und Verteidigung und verbindet sie mit dem Schutz der Gesellschaften, Bevölkerungen und gemeinsamen Werte des Bündnisses.
Man kann all das gut begründen.
Aber man sollte trotzdem darüber sprechen dürfen, was es bedeutet.

Wenn die Bundeswehr ins Klassenzimmer kommt

Auch in Deutschland begegnen sich politische Bildung und Sicherheitspolitik unmittelbar.
Jugendoffiziere der Bundeswehr gehen in Schulen und sprechen dort beispielsweise über NATO-Bündnisverpflichtungen, internationale Krisen und deutsche Sicherheitspolitik.
Die Bundeswehr bezeichnet ihre Jugendoffiziere selbst als „zentrales Element der sicherheitspolitischen Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr“.
Gleichzeitig betont sie ausdrücklich, dass Nachwuchswerbung nicht zu deren Auftrag gehört und der Beutelsbacher Konsens mit seinem Überwältigungs- und Kontroversitätsgebot gelten soll.
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Jugendoffiziere können ernsthaft politische Bildung betreiben und trotzdem Vertreter einer Institution sein, die eigene Aufgaben, Perspektiven und Interessen besitzt.
Genau deshalb sollte die entscheidende Frage nicht lauten:
„Darf die Bundeswehr in Schulen?“
Sondern:
Welche Gegenperspektiven bekommen Schüler ebenfalls zu hören?
Wenn ein Jugendoffizier die NATO-Sicherheitspolitik erklärt, lernen Schüler anschließend genauso fundiert die Kritik an dieser Sicherheitspolitik kennen?
Werden Interessen der Rüstungsindustrie thematisiert?
Werden historische Fehlentscheidungen westlicher Außenpolitik behandelt?
Werden militärische Interventionen ebenso kritisch analysiert wie diejenigen geopolitischer Gegner?
Werden Sicherheitsinteressen Russlands oder Chinas erklärt, ohne ihre Politik deshalb rechtfertigen zu müssen?
Erst dann zeigt sich, ob aus Information tatsächlich politische Bildung wird.

Propaganda beginnt nicht erst mit der Lüge

Wir verbinden Propaganda häufig mit falschen Informationen.
Aber Beeinflussung funktioniert viel subtiler.
Man muss nicht unbedingt lügen.
Man kann auswählen.
Man kann gewichten.
Man kann bestimmte Ereignisse ständig zeigen und andere kaum erwähnen.
Man kann für dieselbe Handlung unterschiedliche Begriffe verwenden.
Unsere Seite „verteidigt“.
Die andere Seite „provoziert“.
Wir haben „Sicherheitsinteressen“.
Die anderen verfolgen „Machtinteressen“.
Wir betreiben „strategische Kommunikation“.
Die anderen verbreiten „Propaganda“.
Wir stärken „gesellschaftliche Resilienz“.
Die anderen „indoktrinieren ihre Bevölkerung“.
Natürlich können hinter diesen Begriffen tatsächlich unterschiedliche Realitäten stehen.
Aber gerade deshalb sollten wir sensibel dafür sein, wann Sprache Realität beschreibt – und wann sie unsere Bewertung der Realität bereits mitliefert.

Der entscheidende Unterschied

Trotzdem wäre es zu einfach, demokratische politische Bildung und autoritäre Propaganda vollständig gleichzusetzen.
Es gibt einen entscheidenden Maßstab:
Darf das Ergebnis offen sein?
Der deutsche Beutelsbacher Konsens formuliert genau hierfür bemerkenswerte Grenzen.
Schüler dürfen nicht im Sinne erwünschter Meinungen überwältigt werden.
Was gesellschaftlich und wissenschaftlich kontrovers ist, soll auch kontrovers dargestellt werden.
Und Schüler sollen befähigt werden, ihre eigene politische Interessenlage zu analysieren.
Das ist ein fundamentaler Anspruch.
Interessanterweise zeigt seine Existenz aber gleichzeitig, dass politische Bildung selbst die Gefahr kennt, zur Indoktrination zu werden.
Die Bundeszentrale für politische Bildung formuliert die Grenze sogar ausdrücklich so: Werden unterschiedliche Standpunkte, Optionen und Alternativen unterschlagen, ist der Weg zur Indoktrination beschritten.
Damit bekommen wir einen hervorragenden Prüfstein.
Nicht:
Wer spricht?
Sondern:
Wie wird gesprochen?

Legitime Propaganda?

Vielleicht müssen wir deshalb auch unseren Propagandabegriff überdenken.
Wenn wir darunter jede organisierte Kommunikation verstehen, die Einstellungen einer Bevölkerung beeinflussen soll, dann betreiben selbstverständlich auch Demokratien Formen politischer Beeinflussung.
Regierungen kommunizieren strategisch.
Parteien werben um Zustimmung.
Militärische Bündnisse vermitteln ihre Perspektiven.
Staatliche Institutionen fördern gesellschaftliche Werte.
Schulen sozialisieren junge Menschen.
Das allein macht eine Demokratie nicht zur Diktatur.
Der Unterschied liegt vielmehr darin, welche Grenzen der Beeinflussung gesetzt werden.
Darf widersprochen werden?
Sind konkurrierende Informationen zugänglich?
Dürfen Regierung, NATO, Bundeswehr und die gesellschaftliche Ordnung grundsätzlich kritisiert werden?
Werden unterschiedliche Perspektiven tatsächlich vermittelt?
Kann ein Schüler nach einer Unterrichtsstunde zu einem anderen Urteil kommen als der Referent?
Und darf er dieses Urteil offen vertreten?
Je stärker diese Fragen mit Ja beantwortet werden können, desto größer ist der Unterschied zur Indoktrination.

Aber wenden wir unseren Maßstab auch auf uns selbst an?

Genau hier liegt für mich die entscheidende Frage.
Wir sind hervorragend darin, die politische Sozialisation anderer Gesellschaften zu analysieren.
Wir untersuchen russische Narrative.
Chinesische Staatspropaganda.
Islamistische Radikalisierung.
Rechtsextreme Kommunikation.
Desinformation in sozialen Netzwerken.
Das ist notwendig.
Aber politische Mündigkeit beginnt erst dort, wo wir denselben analytischen Blick auf die eigene Seite richten.
Welche Narrative vermittelt unsere Regierung?
Welche Interessen verfolgt die NATO?
Wie kommuniziert die Bundeswehr?
Welche Rolle spielen wirtschaftliche Interessen?
Welche Informationen wählen unsere Medien aus?
Welche Grundannahmen lernen Kinder in der Schule?
Und welche davon erscheinen uns nur deshalb vollkommen selbstverständlich, weil wir selbst mit ihnen aufgewachsen sind?
Diese Fragen machen unsere Demokratie nicht schwächer.
Eine Demokratie, die solche Fragen nicht mehr aushält, wäre viel schwächer.

Die beste mentale Impfung richtet sich gegen alle Seiten

Vielleicht sollten wir unsere Kinder deshalb tatsächlich mental impfen.
Aber nicht gegen Russland.
Nicht gegen China.
Nicht gegen Sozialismus.
Nicht gegen Kapitalismus.
Und auch nicht gegen Kritik an der westlichen Demokratie.
Sondern gegen Manipulation selbst.
Zeigen wir ihnen russische Propaganda.
Und westliche Propaganda.
Chinesische Narrative.
Und europäische Narrative.
Erklären wir ihnen die Interessen eines russischen Staatsmediums.
Und die Interessen eines privaten westlichen Medienkonzerns.
Analysieren wir die Kommunikation des Kremls.
Und die Kommunikation unserer Regierung.
Untersuchen wir chinesische Staatsinteressen.
Und die Interessen von NATO, EU und USA.
Nicht weil alles dasselbe wäre.
Sondern weil für alle derselbe Maßstab gelten sollte.
Wer kommuniziert?
Welches Interesse besteht?
Was wird behauptet?
Was ist belegt?
Was wird weggelassen?
Welche Emotionen werden angesprochen?
Welche Begriffe werden verwendet?
Welche Gegenargumente gibt es?
Und was müsste passieren, damit ich meine eigene Meinung ändere?
Das wäre keine Erziehung gegen unser demokratisches System.
Im Gegenteil.
Es wäre vielleicht die konsequenteste Form demokratischer Bildung.
Denn eine wirklich freie Gesellschaft sollte nicht darauf angewiesen sein, dass ihre Bürger das Richtige glauben.
Sie sollte darauf vertrauen können, dass Menschen selbst denken dürfen – auch über das eigene System.
Vielleicht erkennen wir Propaganda deshalb zukünftig nicht mehr daran, wer sie betreibt.
Sondern daran, wie sehr Kommunikation versucht, unser Urteil bereits vorwegzunehmen.
Und die wichtigste mentale Impfung wäre dann nicht die gegen die Propaganda der anderen.
Sondern die Fähigkeit, Manipulation auch dort zu erkennen,
wo sie unsere eigene Weltsicht bestätigt.