Vielleicht erwarten wir von unserem Gesundheitssystem etwas, wofür es gar nicht geschaffen wurde
Unsere moderne Medizin kann Außergewöhnliches.
Sie kann ein verschlossenes Herzkranzgefäß wieder öffnen. Knochen operieren. Bakterielle Infektionen behandeln. Organe transplantieren. Tumore entfernen. Schmerzen lindern und Menschen in Situationen retten, die vor wenigen Generationen wahrscheinlich tödlich geendet hätten.
Diese Medizin abzuwerten wäre absurd.
Und trotzdem glaube ich:
Schulmedizin und Pharmakologie können aus sich heraus niemals wirklich ganzheitlich sein.
Nicht weil Ärzte schlechte Menschen wären.
Nicht weil Medikamente grundsätzlich schlecht wären.
Und auch nicht, weil hinter jeder Behandlung eine Pharmafirma stehen würde, die uns krank halten möchte.
Das Problem liegt tiefer.
Es liegt in den Grundannahmen und Strukturen des Systems selbst.
Wenn der Mensch zur Maschine wird
Die moderne Medizin entwickelte sich maßgeblich aus einem naturwissenschaftlichen Weltbild, das einen gewaltigen Fortschritt ermöglichte:
Der menschliche Körper wurde beobachtbar, messbar und analysierbar.
Organe konnten untersucht werden.
Krankheitserreger entdeckt werden.
Biochemische Prozesse verstanden werden.
Wirkstoffe gezielt entwickelt werden.
Der Körper wurde gewissermaßen zu einer hochkomplexen biologischen Maschine.
Und genau diese Betrachtungsweise war unglaublich erfolgreich.
Wenn eine Maschine nicht funktioniert, suchen wir nach dem defekten Teil.
Beim Menschen heißt das:
Welches Organ funktioniert nicht?
Welcher Laborwert ist verändert?
Welcher Botenstoff fehlt?
Welcher Rezeptor kann beeinflusst werden?
Welcher Erreger verursacht die Erkrankung?
Welche Struktur ist beschädigt?
Diese Fragen sind wichtig.
Das Problem beginnt erst, wenn wir vergessen, eine andere Frage zu stellen:
Warum ist dieser Mensch krank geworden?
Der Mensch besteht nicht aus Einzelteilen
Ein Mensch ist keine Ansammlung voneinander unabhängiger Organe.
Er lebt.
Er liebt.
Er leidet.
Er arbeitet.
Er schläft.
Er ernährt sich.
Er bewegt sich.
Er hat Beziehungen.
Er erlebt Stress.
Er besitzt Überzeugungen und Ängste.
Er lebt in einer bestimmten sozialen und wirtschaftlichen Umgebung.
Und für viele Menschen gehören auch Sinn, Spiritualität und die Frage nach etwas Größerem zu ihrem Leben.
All das geschieht nicht unabhängig vom Körper.
Stress beeinflusst biologische Prozesse.
Schlaf beeinflusst Gesundheit.
Bewegung beeinflusst Gesundheit.
Ernährung beeinflusst Gesundheit.
Soziale Beziehungen beeinflussen Gesundheit.
Psychische Zustände und körperliche Zustände beeinflussen sich gegenseitig.
Die Medizin selbst hat deshalb längst biopsychosoziale und teilweise sogar biopsychosozial-spirituelle Modelle entwickelt.
Das ist bemerkenswert.
Denn eigentlich ist es das Eingeständnis, dass der Mensch mit einem ausschließlich biomedizinischen Modell nicht vollständig beschrieben werden kann.
Was die Aufklärung gewonnen hat – und was wir dabei verloren haben
Die Aufklärung und die Entwicklung der modernen Naturwissenschaft haben uns von vielem befreit.
Von Aberglauben.
Von religiösen Dogmen.
Von Erklärungen für Krankheiten, die einer Überprüfung nicht standhielten.
Das war ein enormer Fortschritt.
Aber vielleicht ist das Pendel dabei sehr weit in die andere Richtung ausgeschlagen.
Was nicht objektiv gemessen werden konnte, verlor zunehmend seinen Platz im wissenschaftlichen Verständnis des Menschen.
Körper wurde Wissenschaft.
Seele wurde Philosophie oder Religion.
Spiritualität wurde Privatsache.
Subjektive Erfahrung wurde gegenüber objektiver Messbarkeit nachrangig.
Das war methodisch nachvollziehbar.
Denn Wissenschaft benötigt überprüfbare Aussagen.
Doch daraus entstand möglicherweise ein folgenschwerer Denkfehler:
Was wir wissenschaftlich nicht messen können, muss deshalb bedeutungslos sein.
Das eine folgt aus dem anderen nicht.
Wir sollten spirituelle oder energetische Vorstellungen deshalb nicht einfach zu naturwissenschaftlichen Tatsachen erklären.
Aber genauso wenig müssen wir so tun, als seien Sinn, innere Erfahrung, Verbundenheit oder Spiritualität für Gesundheit grundsätzlich irrelevant.
Vielleicht besteht Ganzheitlichkeit gerade darin, diese unterschiedlichen Ebenen auseinanderhalten und trotzdem gemeinsam betrachten zu können.
Dann kommt das Geld
Zu diesem Menschenbild kommt ein zweites strukturelles Problem:
Gesundheit ist ein Markt.
Pharmaunternehmen sind Unternehmen.
Sie beschäftigen Wissenschaftler, entwickeln Medikamente und können damit enormen gesellschaftlichen Nutzen schaffen.
Aber sie müssen gleichzeitig wirtschaftlich handeln.
Forschung kostet Geld.
Klinische Studien kosten Geld.
Zulassungsverfahren kosten Geld.
Investoren erwarten Rendite.
Unternehmen müssen Gewinne erwirtschaften.
Das ist zunächst weder geheim noch moralisch verwerflich.
Aber daraus entsteht zwangsläufig eine entscheidende Frage:
Wird automatisch dort am meisten geforscht, wo der gesundheitliche Nutzen für Menschen am größten wäre?
Nein.
Ökonomische Anreize spielen ebenfalls eine Rolle.
Besonders deutlich sehen wir das bei sogenannten vernachlässigten Krankheiten: Wo Menschen dringend Medikamente benötigen, aber kein ausreichend attraktiver Markt existiert, kann private Forschung wirtschaftlich uninteressant werden.
Das ist kein Beweis für eine Verschwörung.
Es ist wesentlich banaler.
Es ist Marktwirtschaft.
Das Patentproblem natürlicher Heilmittel
Hier wird es bei natürlichen Substanzen besonders interessant.
Die oft gehörte Aussage
„Natur kann man nicht patentieren“
ist zu einfach.
Neue Verfahren, spezielle Zusammensetzungen, isolierte Wirkstoffe oder bestimmte neue Anwendungen natürlicher Substanzen können durchaus Gegenstand geistiger Eigentumsrechte sein.
Aber ein seit Jahrhunderten bekanntes Kraut lässt sich nicht einfach in exklusives Eigentum verwandeln.
Und genau daraus entsteht ein wirtschaftlicher Unterschied.
Stellen wir uns zwei therapeutische Möglichkeiten vor.
Für Möglichkeit A kann ein Unternehmen einen exklusiv vermarktbaren Wirkstoff entwickeln und seine hohen Entwicklungskosten später über entsprechende Umsätze refinanzieren.
Möglichkeit B wäre eine frei verfügbare, seit langer Zeit bekannte natürliche Substanz, an deren Verkauf niemand langfristig ein vergleichbares Exklusivrecht besitzen kann.
Welche Möglichkeit bietet einem gewinnorientierten Unternehmen den größeren Anreiz, Millionen in aufwendige klinische Studien zu investieren?
Die Antwort liegt auf der Hand.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass natürliche Mittel deshalb besser wirken.
Natur ist kein Qualitätssiegel.
Auch natürliche Stoffe können wirkungslos, toxisch oder gefährlich sein.
Aber es bedeutet:
Fehlende große Studien sind nicht automatisch ein Beweis für fehlende Wirksamkeit.
Denn Forschung folgt nicht ausschließlich wissenschaftlicher Neugier.
Sie benötigt Finanzierung.
Und Finanzierung folgt auch wirtschaftlichen Anreizen.
Wir erforschen nicht automatisch das Wichtigste
Das zeigt ein grundsätzliches Problem.
Wir stellen uns Wissenschaft gerne als einen riesigen Scheinwerfer vor, der systematisch die wichtigsten Fragen der Menschheit untersucht.
Doch wer bestimmt eigentlich, wohin dieser Scheinwerfer gerichtet wird?
Forschung benötigt Geld.
Geldgeber setzen Prioritäten.
Unternehmen investieren dort, wo sie Chancen sehen.
Staatliche Forschungsförderung folgt politischen und gesellschaftlichen Prioritäten.
Universitäten bewegen sich innerhalb ihrer eigenen Anreizstrukturen.
Das bedeutet nicht, dass Forschungsergebnisse deshalb falsch sind.
Das wäre ein gefährlicher Fehlschluss.
Es bedeutet etwas anderes:
Auch die Frage, was überhaupt intensiv erforscht wird, entsteht innerhalb gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Strukturen.
Was niemand finanziert, kann wissenschaftlich unsichtbar bleiben – unabhängig davon, ob es interessant wäre.
Krankheit ist wirtschaftlich verwertbarer als Gesundheit
Hier stoßen wir auf ein unangenehmes Paradox.
Unser Gesundheitssystem verdient einen erheblichen Teil seines Geldes dort, wo Krankheit existiert.
Ärzte behandeln Krankheiten.
Krankenhäuser behandeln Krankheiten.
Pharmaunternehmen verkaufen Medikamente gegen Krankheiten.
Hersteller verkaufen Medizinprodukte.
Das bedeutet wiederum nicht, dass Ärzte oder Unternehmen Menschen absichtlich krank halten wollen.
Eine solche Behauptung wäre weder fair noch notwendig.
Das strukturelle Problem reicht vollkommen aus:
Gesundheit und wirtschaftlicher Umsatz sind nicht automatisch dasselbe Ziel.
Ein Medikament, das ein Mensch über Jahre benötigt, kann ein attraktiver Markt sein.
Eine Veränderung seines Lebensstils, durch die er langfristig weniger medizinische Leistungen benötigt, erzeugt dagegen möglicherweise deutlich weniger Umsatz.
Prävention besitzt einen enormen gesellschaftlichen Wert.
Aber dieser gesellschaftliche Wert lässt sich nicht zwangsläufig genauso gut monetarisieren.
Und damit stehen plötzlich zwei Ziele nebeneinander:
Was ist wirtschaftlich erfolgreich?
und
Was hält Menschen möglichst gesund?
Im Idealfall überschneiden sie sich.
Aber wir sollten nicht so tun, als sei das automatisch der Fall.
Ganzheitlichkeit beginnt mit einer anderen Frage
Die klassische medizinische Frage lautet häufig:
Was hat dieser Patient und wie behandeln wir es?
Die ganzheitliche Frage müsste zusätzlich lauten:
Warum ist dieser Mensch aus dem Gleichgewicht geraten?
Was geschieht in seinem Körper?
Wie ernährt er sich?
Wie schläft er?
Wie bewegt er sich?
Wie arbeitet er?
Welche Beziehungen führt er?
Wie viel Stress erlebt er?
Welche psychischen Belastungen trägt er?
Welche Bedeutung gibt er seiner Krankheit?
Was fehlt ihm in seinem Leben?
Was kann er selbst verändern?
Und – sofern es seinem persönlichen Weltbild entspricht – welche Rolle spielen Sinn, Spiritualität und seine innere Erfahrung?
Plötzlich behandeln wir nicht mehr nur eine Krankheit.
Wir betrachten einen Menschen.
Wir brauchen die Schulmedizin – aber nicht nur sie
Deshalb halte ich wenig von einem Kampf zwischen „Schulmedizin“ und „alternativer Medizin“.
Wir sollten nicht zurück in eine Zeit, in der schwere Erkrankungen ausschließlich mit Kräutern, Gebeten oder spirituellen Ritualen behandelt wurden.
Aber wir sollten genauso wenig glauben, dass ein Mensch vollständig verstanden ist, sobald wir seine Blutwerte, Gene, Organe und biochemischen Prozesse kennen.
Vielleicht brauchen wir beides:
die Präzision der modernen Medizin und den Blick auf den ganzen Menschen.
Naturwissenschaftliche Erkenntnis und subjektive Erfahrung.
Behandlung und Prävention.
Medikamente, wenn sie sinnvoll sind – und Lebensveränderungen, wenn sie notwendig sind.
Spezialisierung und Ganzheitlichkeit.
Vielleicht ist das eigentliche Problem unsere Erwartung
Vielleicht kann Schulmedizin niemals vollständig ganzheitlich sein, weil sie dafür gar nicht geschaffen wurde.
Ihre große Stärke liegt im Zerlegen.
Im Messen.
Im Analysieren.
Im Spezialisieren.
Im gezielten Eingreifen.
Und genau dafür brauchen wir sie.
Ganzheitlichkeit beginnt dagegen dort, wo wir die Einzelteile anschließend wieder zusammensetzen.
Wo wir nicht nur das kranke Organ sehen.
Nicht nur den Laborwert.
Nicht nur die Diagnose.
Nicht nur das Medikament.
Sondern den Menschen, zu dem all das gehört.
Vielleicht sollte die Frage deshalb nicht lauten:
Schulmedizin oder ganzheitliche Medizin?
Sondern:
Wie schaffen wir ein Gesundheitssystem, das die unglaublichen Möglichkeiten moderner Medizin nutzt, ohne darüber den ganzen Menschen aus den Augen zu verlieren?
Denn vielleicht brauchen wir nicht weniger Wissenschaft.
Wir brauchen einen größeren Blick darauf, wofür wir sie einsetzen.
Und nicht weniger Medizin.
Sondern mehr Gesundheit.