Ich bin ein auf Lebenszeit verbeamteter Lehrer für die Fächer Wirtschaft und Ethik und seit über 10 Jahren an einer Fachoberschule in Bayern tätig.

Viel wichtiger aber ist, ich sehe immer deutlicher was das System bei den Schülern anrichtet und wie es, inklusive seines Personals, in erster Linie mit sich selbst beschäftigt ist.

Ob das Methode hat oder einfach der mangelnden gesellschaftlichen Reflexion geschuldet ist, kann und möchte ich nicht beurteilen.

 

Das zugrundeliegende Menschenbild ist aber offensichtlich und falsch. Der Schüler als faules Wesen, das durch Druck und Disziplin dazu gebracht werden muss, verwechselt Ursache mit Wirkung. Durch extrinsische Leistungsbeurteilung wie dem Vergeben von Noten, wird die ureigene intrinsische Motivation korrumpiert und zerstört, das wurde in einer Studie mit Kindergartenkindern eindrucksvoll gezeigt. Die Lust auf das Malen eines Bildes wurde durch schlichtes Prämieren der schönsten Bilder in der Versuchsgruppe kaputt gemacht. In der Vergleichsgruppe ohne Belohnung blieb das Bildermalen ein lohnenswertes Vergnügen.

 

Die Lehrinhalte folgen einem bundesländerweit vereinheitlichten Lehrplan, der aufgrund von (Bildungs-)Politik und vielen Eigeninteressen von Verbänden und Funktionären festgelegt wird, mit den Bedürfnissen der Schüler hat das absolut nichts zu tun. Es gibt auch kaum Spielräume für die Lehrer pädagogisch auf die Schüler individuell inhaltlich einzugehen.

 

Staatliche Schulgebäude werden immer noch gebaut als wären sie Kasernen. Flexible, individuell nutz- und gestaltbare Lernräume sucht man vergebens, inklusive der offenen Lernmethoden. Die Zuordnung in Jahrgangsstufen, das einheitliche Verabreichen des Lernstoffs, der festgeschriebene Fächerkanon und die fest zugeteilten Lehrpersonen ohne Wahlmöglichkeiten ignorieren alles was aus neurobiologischer Sicht für ein „echtes“ Lernen notwendig wäre.

 

„Lernen findet immer statt“, wie Manfred Spitzer, ein führender Neurowissenschaftler und Professor für Psychiatrie, gerne ausführt. Die Frage aber ist, was wird gelernt? Natürlich lernen Schüler mit Ihrem Smartphone so zu hantieren, dass es der Lehrer möglichst nicht merkt. Und die erfolgreichen Schüler haben ebenfalls gelernt, wie man gut durch dieses Schulsystem kommt. Nämlich indem man brav im Unterricht mitmacht und nur wenn es gerade gewünscht wird aktiv ist, Wissen auswendig lernt und es im Test möglichst exakt wiedergibt, vielleicht mit anderen Worten, aber in jedem Fall mit dem vom Lehrer vermittelten Inhalt oder seiner Ausrichtung. Gegenmeinungen oder kritische Fragen sind unerwünscht, sie stellen ja den Lehrer und das gelehrte Wissen in Frage.

 

Angelehnt an Gerald Hüther, einem Professor für Neurobiologie, sind folgende Faktoren für ein gelingendes Lernen ausschlaggebend:

  • Die Schüler müssen sich wohl fühlen. Dafür braucht es ein angstfreies konstruktives Lernklima.
  • Statt der Objekt-Objekt-Beziehung, also „der Lehrer“ und „die Schüler“, ist es wichtig eine Subjekt-Subjekt-Beziehung zwischen Lehrer und Schüler zu etablieren. Es geht um das (An-)Erkennen des menschlichen Wesens mit seinen Bedürfnissen. Durch diese Verbindung wird es möglich sich gegenseitig zu sehen, Vertrauen aufzubauen und Lernen zu begünstigen.
  • Nur wenn der Schüler die Relevanz des vermittelten Inhalts erkennt, landet das Wissen auch nachhaltig im Wissensspeicher des Gehirns. Es geht hierbei um eine echte empfundene Relevanz, also die Anknüpfung an die Lebenswirklichkeit des Schülers und tatsächliche Anwendungsmöglichkeiten.
  • Am besten kommt die Motivation für das Lernen vom Schüler selbst. Seine Interessen bilden den Kern der inhaltlichen Ausrichtung. Diese intrinsische Motivation braucht keinen der von außen anschiebt, der Schüler lernt, weil er es möchte.
  • Damit Wissen tief im Gehirn verankert wird, braucht es eine emotionale Verknüpfung. Was uns emotional berührt wird vom Gehirn als „wichtig“ eingeordnet und bekommt eine entsprechende Bedeutsamkeit zugewiesen.

 

Zurück zu meiner Erfahrung mit dem staatlichen Schulwesen. Die Berücksichtigung dieser fünf Punkte habe ich dort kaum bis gar nicht gefunden. Die Interessen und Bedürfnisse der Schüler spielen im System kaum eine Rolle.

 

Es gibt natürlich gute Lehrer, die mit viel Engagement und Einsatz innerhalb des Systems pädagogisch wirken. Ihre Leistungen finden aber nicht wegen, sondern trotz des staatlichen Schulsystems statt.

Der pflichtbewusste Lehrer kümmert sich vor allem um die Vermittlung von Lehrstoff in einer Art und Weise, dass es später wieder möglichst zweifelsfrei abgeprüft werden kann. Es sollen ja handfeste unantastbare Noten herausspringen. Die Vorbereitung solcher Lerninhalte, die Erstellung wasserdichter Prüfungen und die möglichst neutrale Korrektur der Leistungserhebungen macht den Großteil des Lehreralltags aus.

 

Das Ergebnis sind frustrierte Lehrer und Schüler, die eigentlich nach der Schulzeit eine psychologische Unterstützung bräuchten. Burn-out ist ja bereits zur typischen Lehrerkrankheit geworden.

Daneben wissen zu viele Schüler der 12. und 13. Klasse nicht, wohin ihr Lebensweg gehen soll. Ich befrage sie regelmäßig und bin immer wieder schockiert.

Für mich hat Schule hier versagt.

Wenn man nach 12 Schuljahren nicht weiß, was man gut kann, wo die persönlichen Stärken, Schwächen und Interessen liegen und wofür man brennt, dann hinterlässt die aktuelle sogenannte Bildung einen bitteren Nachgeschmack.